Christian Gottlieb Scheidler wurde am 26. November 1747 in Aken (Elbe) geboren. 1778 wurde er als Hoflautenist beim Kurfürsten von Mainz und in dessen Kapelle als Fagottist angestellt. Als Mainz Anfang 1794  durch französische Truppen belagert wurde, floh Scheidler nach Frankfurt am Main, wo er als Privatmusiklehrer wirkte und spätestens ab 1806 auch von der Pension lebte, die ihm als ehemaligen kurfürstlichen Hofmusiker zustand. Nach 1813 kehrte er nach Mainz zurück, wo er am 15. August 1829 starb.

In die Musikgeschichte ging Scheidler als "Der letzte Lautenist" ein. Nach Adam Falckenhagen (1697-1754) und Joachim Bernhard Hagen (1720-1787), die am Bayreuther Hof angestellt waren, war Scheidler in Mainz der letzte professionelle Hof-Lautenist, der das Spiel auf der 13-chörigen Schwanenhalslaute noch pflegte. Mit der Besetzung und Belagerung von Mainz 1793 gingen die alten kurmainzischen Strukturen und damit auch die höfische Musikpflege verloren. Im Musikleben des aufstrebenden Bürgertums um 1790 spielte die Laute keine Rolle. Simon Molitor nannte in seiner Vorrede zur Großen Sonate Op. 7 zwei Gründe für den Niedergang der Laute: "Folgende Umstände scheinen mir vorzüglich den Verfall derselben bewirkt zu haben: die doppelte Besaitung ... machte nicht nur das Reinstimmen überaus mühsam, sondern musste, zumal an einem mit Darmsaiten bezogenen Instrumente, die Unbequemlichkeit mit sich bringen, dass dasselbe sich während dem Spiel allzubald verstimmte, und dass es fast unmöglich war, das Instrument nur durch Ein Stück hindurch gestimmt zu erhalten. Mehr noch als diess scheint jenen Instrumenten die ihnen eigenthümliche Art, die Töne zu bezeichnen, nachtheilig gewesen zu sein. Es ist leicht begreiflich, dass diese barbarische Bezeichnung nicht nur manchen Liebhaber von der Erlernung dieses Instruments, sondern auch und vorzüglich die Tonsetzer abgeschreckt haben mag, die Applikaturen desselben, und die Schrift selbst kennen zu lernen, ohne deren Kenntniss es jedoch unmöglich war, für dasselbe zu komponiren" (Molitor 1806, S. 8f.).

Auf den Niedergang der Laute folgte der Aufstieg der Gitarre. Die um 1790 in Italien entwickelte Gitarre hatte eine einfache Besaitung mit sechs Saiten. Die Tabulatur wurde durch die moderne Notation ersetzt. Die Gitarre löste die Laute als dominierendes Zupfinstrument in Deutschland ab. Molitor merkte hierzu an: "Allein das Bedürfniss eines mehrsaitigen Tonwerkzeuges, welches mit Bequemlichkeit überall mitgetragen, gehend oder stehend gespielt werden kann, musste bald wieder fühlbar werden. Und wirklich war zwischen der Laute und zwischen ihrer Nachfolgerinn --- unserer dermaligen Guitare --- nur eine kleine Pause" (ebd. S. 9). Das neue Instrument kam bei den Damen in Mode, sowohl als Instrument als auch als Accessoire.

Scheidler passte sich in Frankfurt schnell den neuen Gegebenheiten an.  Bereits 1796 gab er der Bankiersgattin Barbara Friederike Gontard (1765-1835) Gitarrenunterricht. In ihren Memoiren hielt Gontards Tochter Marie ihre Kindheitserinnerungen an Scheidler fest: "Meine Mutter nahm damals Unterricht auf der Guitarre. Der Vater ließ ihr ein sehr gutes und dabei schönes Instrument von Paris kommen. Ihr Lehrer war Herr Scheidler von Mainz. Sein Spiel war meisterhaft. Nur einmal hörte ich in späteren Jahren von Paganini ein besseres Spiel dieses unvollkommenen Instrumentes. Allein als Musiker konnte man kein größeres Original als Scheidler finden; schon sein Anzug erschien auffallend; stets hatten seine Kleider die Farbe von dunkelrothem Zahnpulver, auch die Wäsche war nicht die reinste. Am merkwürdigsten ist sein Gesicht gewesen. Er war bleich, hatte einen großen Mund, unstäte Augen, wenig Haare, und war gepudert. Es schien ihm unmöglich, Jemanden nur eine Minute lang anzusehen; die Augen funkelten hin und her. Wenn er spielte, (immer ohne Noten), richtete er die Blicke gegen Himmel und schien alles um sich zu vergessen. Er spielte nur eigene Compositionen. Die Schlacht von 'Neerwinden' hatte er für sein Instrument eingerichtet. Bei Allem, was darin vorkam, sprach er erläuternde Worte: 'Jetzt marschirt unter Trommeln die Infanterie vor, nun kommt die Cavallerie angesprengt; Gewehrfeuer, Kanonendonner; das Aechzen der Verwundeten und Sterbenden; endlich der Siegesmarsch.' Am schönsten sollen seine Fantasien gewesen sein" (Belli-Gontard, M[aria]: Lebens-Erinnerungen. Frankfurt am Main: Joh. Chr. Hermann, 1872. S. 31f.).

Marie Gontard (1788–1883) selbst erhielt ab 1802 Gitarrenunterricht bei Joseph Baumgärtner: "Zu meiner Erheiterung erhielt ich Unterricht auf der Guitarre; mein Lehrer war ein Wiener und hieß Joseph Baumgärtner; eigentlich war er Clarinettist am hiesigen Orchester; früher bei der Kapelle des Herrn Nikolaus Bernhard in Offenbach angestellt, kam er nach deren Auflösung hierher; Proben und Vorstellungen ließen ihm Zeit genug, Unterricht zu geben. Ich lernte gern und nicht ohne Nutzen, denn nach einigen Jahren war ich eine fertige Dilettantin auf diesem Instrumente" (ebd. S. 63f.).

Eine zweite Gitarrenschülerin Scheidlers ist ebenfalls namentlich bekannt: Marianne Jung (1784-1860). Am 22. Januar 1806 traten Scheidler und Marianne Jung auf einem Konzert des Cellisten Johann Gottfried Arnold auf. Als Konzertauftakt wurden zwei Sätze aus Mozarts Sinfonie Nr. 39 Es-Dur KV 543 aufgeführt: „Hier folgten auf jene gewaltigen Sätze, Variationen für zwey Guitarren und ein Violoncell, komponirt von Hrn. Scheidler und gespielt von ihm, Dem. Jung, einer sehr talentvollen Liebhaberin, und Hrn. Arnold. Das sehr angenehme Thema war so mannigfaltig, und mit so viel Kunst variirt, als es von der beschränkten Guitarre kaum zu erwarten stand. Eben so, und mit vielem Geschmack wurde es vorgetragen. Passagen und Läufer, Triller und Harpeggiaturen, hörte man mit grösster Bestimmtheit und Deutlichkeit vortragen; dies musste um so mehr Bewunderung finden, da man, wenigstens hier, gewöhnlich nur zu matter oder süsslicher Begleitung eines Liedes und dgl. sich dieses Instruments zu bedienen pflegt. Die Hauptstimme hatte Dem. Jung, die beyden andern Instrumente waren nur begleitend, ausser dass das Violoncell die Melodie des Themas vortrug. Dem. Jung spielte ihre Partie, so schwierig sie auch war, mit grösster Leichtigkeit und Präcision, und in jedem Betracht als eine Virtuosin. Man hörte nur die Töne, (kein Rauschen, oder sonst etwas nebenbey) und hörte diese nie hart oder schneidend, sondern durchaus sanft und angenehm, im Forte wie im Piano. Dem. Jung ist die Schülerin eines Mannes, der ein so vollkommener Meister dieses lnstruments ist, als man es seyn kann - des Hrn. Scheidler; und wenn man ihn hier nicht so kennet, als er es vor Vielen verdient, so liegt das ganz gewiss nur an Zufälligkeiten und Nichtigkeiten. Hr. Scheidler war ehedem Hof-Lautenist bey dem Kurfürsten von Mainz, und in dessen Kapelle als Fagottist angestellt; er lebt jezt hier von der Pension, die er, wie alle Musiker, die ehemals in Diensten dieses Kurfürsten waren, von dem Kurerzkanzler bekömmt, und von dem Ertrag der Stunden, in welchen er Unterricht auf der Guitarre giebt. Er ist nicht nur vielleicht der erste Lautenist und Virtuos auf der Guitarre in Deutschland, sondern auch ein wackerer Komponist. Die Kunst des reinen Satzes hat er recht eigentlich studirt, und ihre Regeln hält er heilig und unverbrüchlich, ohne dass seine Arbeiten dadurch steif und ungefällig würden. Er hat mehrere Konzerte und andere Stücke für die Laute und Guitarre geschrieben, aber noch nichts in Druck gegeben, und ist auch nicht Willens, je etwas öffentlich herauszugeben. Seine freye Phantasie auf jenen lnstrumenten (seine Guitarre hat sieben Saiten) übertrifft die grösste Erwartung. Ausser einigen eigenen Kunstgriffen, gehören kunstreiche, überraschende Modulationen, Passagen aller Art, einfache und doppelte Triller, unter die gewiss seltenern und schweren Mittel, deren er sich mit Leichtigkeit bedient, seiner Phantasie Raum zu geben und auf die Zuhörer zu wirken. Er spielt selten in Gesellschaft, öffentlich gar nicht mehr; aber dem Freund, dem Künstler, dem Kunstliebhaber, entzieht er das Vergnügen, ihn privatim zu hören, niemals. Seine Methode des Unterrichts ist sehr zweckmässig und leicht, und um so vorzüglicher, da er das Instrument aus Erfahrung sehr genau kennt und selbst so gut spielt“ (AMZ 8/1806, Sp. 344-346).

Am 4. März 1807 trat Scheidler ein weiteres Mal mit Marianne Jung auf einem Benefiz-Konzert zu Gunsten der Witwe Arnold auf, deren Mann im Alter von 33 Jahren an einer Lungenentzündung gestorben war: „Nach einer Sinfonie von Haydn spielte die talentreiche Liebhaberin, Dem. Jung, mit ihrem achtungswerthem Lehrer, Hrn. Scheidler, Variationen für zwey Guitarren, (von Scheidler allerliebst komponirt,) mit bewundernswürdiger Fertigkeit, Leichtigkeit und Präcision“ (AMZ 9/1807, Sp. 556f.).

Scheidler war der Erste, der die Gitarre als Soloinstrument erfolgreich auf die Bühne brachte. Noch im Jahr 1813 urteilte der Frankfurter Korrespondent der "Allgemeinen musikalischen Zeitung": "... nur ein ganz ausgezeichneter Virtuos kann vielleicht einmal ein grosses gemischtes Auditorium damit allein unterhalten. (Ein solcher ist unser Hr. Scheidler, der aber auch eine reiche Phantasie besitzt, deren Eingebungen er durch Kunst zu ordnen versteht, und Schwierigkeiten überwindet, die unmöglich scheinen.)"  (AMZ 15/1813, Sp. 102). Insofern verdient Scheidler nicht nur den Titel des letzten Lautenisten, sondern auch den des ersten Gitarrenvirtuosen.