Mauro Giuliani. Stich von Johann Friedrich Jügel, 1810.
Mauro Giuliani. Stich von Johann Friedrich Jügel, 1810.

Mauro Giuliani wurde am 27. Juli 1781 in Bisceglie, im Königreich Neapel, geboren. Seine Kindheit und Jugendzeit verbrachte Giuliani jedoch im benachbarten Barletta, wo er neben dem Cello- und Gitarrenspiel das Komponieren erlernte. Wie viele andere italienische Musiker verließ Giuliani sein Heimatland, um in den Musikmetropolen Europas eine gesicherte Existenz als Musiker zu finden. Nach einem Zwischenaufenthalt in Triest erreichte er im Sommer 1806 Wien.

In Wien gab es bereits eine kleine Szene von Gitarrenenthusiasten, und Giuliani erspielte sich mit seinen virtuosen Fähigkeiten auf der Gitarre nicht nur ein großes Renommee in Wien, sondern erfuhr auch Beachtung weit über die Grenzen der Stadt hinaus. Am 21. Okt 1807 berichtete die "Allgemeine musikalischen Zeitung" über Giuliani: „Unter den hiesigen, sehr zahlreichen Guitarrespielern macht ein gewisser GiuIiani durch seine Kompositionen für dies Instrument sowol als durch sein Spiel, vieles Glück, ja sogar grosses Aufsehen. Wirklich behandelt er die Guitarre mit einer seltenen Anmuth, Fertigkeit und Kraft“ (AMZ 10/1808, Sp. 89).

War die Gitarre bis dahin nur eine Randerscheinung im öffentlichen Musikleben gewesen, holte Giuliani die Gitarre aus der Peripherie in die Mitte des Musiklebens. Ihm gelang es als erstem Gitarristen, die musikalische Fachwelt dazu zu bewegen, sich ernsthaft und ausführlich mit dem künstlerischen Gitarrenspiel auseinanderzusetzen. Eine solche grundlegende Auseinandersetzung fand in der 27. Ausgabe der "Allgemeinen musikalischen Zeitung" vom 30. März 1808 statt, die hier in voller Länge zitiert wird:

"Rec. nimmt hier alles zusammen, was er von den Arbeiten dieses interessanten Mannes eben hat zur Hand bekommen können, weil das, was er vornämlich darüber zu sagen findet, auf alle diese Werkchen gleich anwendbar ist, und diese selbst, als Kunstwerke, an and für sich angesehen, (ohne Rücksicht auf die sogleich anzugebenden besondern Absichten derselben) allerdings nicht hoch genug stehen, als dass man bey ihnen im Einzelnen lange verweilen dürfte.

Die Leser haben schon früher, durch den trefflichen Korrespondenten dieses Instituts in Wien einige Notiz über Giuliani und seine nicht geringe Celebrität in der Kaiserstadt erhalten. Es werden jedoch einige nähere Nachrichten über ihn auch hier hoffentlich nicht ungern gelesen werden.

Mauro Giuliani ist ein sehr guter Kopf, ein feiner und gebildeter Mann, der vor einiger Zeit, so viel Rec. bekannt, aus Bologna nach Wien kam, und durch interessante Talente von mancherley Art, vornämlich aber durch seine gute Kenntnis und (zum Theil) eigene Ansicht der Musik, so wie durch sein wahrhaft bewundernswerthes, durchaus in Deutschland ihm allein eigenes Spiel eines Instruments, bis dahin, ausser Neapel und einigen andern Hauptstädten des untern und mittlern Italiens, nur als leichtes, galantes Spielwerk, höchstens als angenehmes Accompagnement kleiner, leichter Gesangstücke gebraucht worden war - die Aufmerksamkeit, und dann leicht auch die Gunst fast aller Beschützer der Tonkunst in Wien auf sich zog. Unter denen, die man die elegante Welt nennet, wurde er, wenigstens auf einige Zeit, der musikal. Held des Tages; und man muss gestehn, dass diese Welt ihre Helden nicht selten weit ungeschickter wählt. Seine Kompositionen für die, den dichtenden Musiker so sehr beschränkende Guitarre, (von denen man im kurzen noch mehrere aus demselben Verlage erhalten wird,) zeigen Geist und Geschmack, zeigen besonders auch eine neue Ansicht und eigenthümliche Behandlungsart dieses Instruments - welche letztere aber freylich durch sein meisterhaftes Spiel noch besonders klar und einnehmend hervorgehet. Er gebraucht nämlich die Guitarre nicht nur durchaus als obligates, sondern auch als ein Instrument, auf welchem zu einer angenehmen, fliessenden Melodie, eine vollstimmige, regelmässig fortgeführte Harmonie vorgetragen wird. Betrachtet man in dieser Absicht seine Kompositionen, so kann es nicht fehlen - auch bey nicht geringer Kenntnis des Instruments stutzt man erst und hält manches für geradezu unausführbar: aber dann, wenn man‘s wirklich versucht, und sich dabey der vom Verf., wo sich die Ausführung nicht von selbst findet, beygesetzten Anmerkungen und Nachweisungen bedienet - dann findet man überall, es ist möglich, und, hat man's erst in der Gewalt, es ist auch von angenehmer Würkung. Wenn man nun freylich eingestehen muss, dass man durch alles das, und den anhaltendsten, hierauf gerichteten Fleiss, der Sache selbst nach, doch nur höchstens gross im Kleinen werden kann: so wird man doch auch nicht ableugnen können, dass es für jede Kunst und Wissenschaft selbst ein Vortheil ist, wenn sich Männer von Talent, Einsicht und Beharrlichkeit mit einem ganz speciellen Zweige derselben vor allem beschäftigen, und ihren bisherigen Umfang nach dieser einen, wenn auch, im Verhältnis zum Ganzen, nicht allzuwichtigen Seite hin, erweitern; für die aber, welche ihnen dann - wenn auch nicht bis auf die letzte Spitze, folgen wollen, bringen solche Männer immer vielerley Hülfs- und Erleichterungsmittel an's Licht, die allezeit Aufmerksamkeit und Dank verdienen. So ist es denn auch hier; und so hielt es eben Rec. für Pflicht, das Seinige beyzutragen, damit das auch hier zu Tage Geförderte die Aufmerksamkeit und Erkenntlichkeit finden möchte. Damit mögen denn auch diese Werkchen, (worunter die zuletzt angeführte Nummer, aus von selbst einleuchtenden Ursachen, am wenigsten zu loben ist,) und mag ihr Verf., sich begnügen; den Lesern aber noch anschaulicher zu machen, was sie hier zu suchen haben, setzt Rec. das Thema und Eine Variat. gleich der ersten Nummer hieher - nicht als wenn er diese Sätzchen für das Beste unter dem hier Gebotenen hielt, sondern weil sie, bey aller nöthigen Kürze, eben zu dem angegebenen erwünschte  Zweck gut geeignet sind" (AMZ 10/1808, Sp. 427-430).

Was fällt an dieser ersten und zugleich auch letzten ausführlichen Auseinandersetzung eines Musikkritikers mit Gitarrenmusik als Kunstform auf? Über Giuliani selbst konnte der Rezensent nur das Beste sagen: Er besaß Geist und Geschmack, Talent, Fleiß und Ausdauer und er hatte die Spieltechnik dahingehend weiterentwickelt, dass die Gitarre als Soloinstrument eingesetzt werden konnte. Das Urteil über Giulianis Instrument fiel weitaus weniger schmeichelhaft aus: Die Gitarre war ein beschränktes Instrument, auf dem auch virtuose Hände keine große Kunst hervorbringen konnten. Selbst der größte Gitarrenvirtuose konnte nur groß im Kleinen werden. Es scheint so, als ob diese Rezension aus dem Jahr 1808 als Blaupause für alle folgenden diente. Zumindest das Urteil des Rezensenten über die "den dichtenden Musiker so sehr beschränkende Guitarre" wurde zu einem festen Topos der Musikkritik, die für das Instrument kaum würdigende Worte fand und bestenfalls geneigt war, Nettigkeiten über den konzertierenden Gitarristen bzw. Komponisten zu formulieren. Deutlich wird dies anhand der Konzertberichte und Rezensionen der Gitarrenwerke von Mauro Giuliani, die im Zeitraum von 1808 bis 1818 in der "Allgemeine[n] musikalischen Zeitung" veröffentlicht wurden:

 

1. Konzertberichte

 

Am 3. April 1808 gab Mauro Giuliani ein Konzert im Redoutensaal in Wien. Der Berichterstatter verfiel angesichts der "ungemeinen Fertigkeit" und des "präcisen, geschmackvollen Vortrage" in fassungslose Begeisterung darüber, dass ein Virtuose von Rang sein Talent an ein 'ewig an Klang armes Instrument' verschwendete: „Am 3ten dieses gab M. Giuliani, vielleicht der Erste aller Guitarre-Spieler, welche bis jetzt existirten, im Redoutensaale eine Akademie mit verdientem Beyfalle. Man muss diesen Künstler durchaus selbst gehört haben, um sich einen Begriff von seiner ungemeinen Fertigkeit, und seinem präcisen, geschmackvollen Vortrage machen zu können. Er spielte ein Konzert und Variationen mit Begleitung des vollen Orchesters, beydes von seiner eignen Komposition, welche in der That eben so lieblich war, als die Art, mit der er sie vorzutragen wusste. Bewunderung und Beyfall konnte ihm gewiss Niemand versagen, und das Auditorium bezeigte sogar einen Enthusiasmus, wie er selten, auch von dem trefflichsten Meister hervorgelockt wird. In wiefern man damit das Ausgezeichnetste, was bisher in Deutschland für dies Instrument geschrieben und auf demselben ausgeführt worden ist, belohnen wollte - denn dass dieses beydes Hr. G. geleistet habe, ist gewiss - in wiefern man dieses, sag' ich, belohnen wollte, ist dieser Enthusiasmus allerdings zu rühmen: siehet man aber auf die Sache selbst … Nun, man denke sich nur eine Guitarre und ein Orchester mit Trompeten und Pauken: gehört nicht ein fast unbegreiflicher Grad von Liebhaberey an diesem, doch ewig an Klang armen Instrumente dazu, um bey so schönem Talent, sich ihm so ganz ausschliessend zu widmen, wie Giul. gethan hat, und eine wenigstens eben so lebhafte Theilnahme an dem Virtuosen, wie an seiner Kunst, um diese seine Produktionen so hoch zu stellen? Ich wenigstens konnte mich bey Anhörung derselben des Gedankens nicht erwehren: Was würde nicht die Kunst dabey gewonnen haben, wenn dies Talent, dieser unsägliche Fleiss, und diese Beharrlichkeit in Ueberwindung der grössten Schwierigkeiten auf ein anderes, auch für den Künstler selbst dankbareres Instrument verwendet worden wäre! - Hat denn nicht ein jedes lnstrument seine von der Natur ihm angewiesenen Gränzen? und muss nicht, werden diese überschritten, etwas wunderlich Erkünsteltes, vielleicht Verschrobenes, allezeit die Folge davon seyn? Man weise die Guitarre in die ihrigen zurück - sie bleibe Accompagnement - und sie wird jederzeit sehr gern gehört werden: aber als Solostimme, und besonders als Konzertinstrument, kann sie nur die Mode rechtfertigen und schön finden! Dass ich damit dem wahren Verdienst, das G., als Komponist und Virtuos hat, keinen Abbruch thun will, versteht sich von selbst" (AMZ 10/1808, Sp. 538f.). Angemerkt wurde noch, dass Giuliani am 13. April 1808, dem Mittwoch der Karwoche, auf einer Akademie im Burgtheater Wien zu Gunsten der Wohltätigkeits-Anstalt auftrat und erneut sein Gitarrenkonzert Nr. 1 A-Dur (op. 30) aufführte (AMZ 10/1808, Sp. 540). Drei Werke von Beethoven - die vierte Sinfonie B-Dur op. 60, ein Klavierkonzert und die Coriolan-Ouvertüre c-Moll op. 62 - bildeten den Rahmen des Konzerts.

In den folgenden Jahren gab Giuliani mehrere Konzerte im kleinen Redoutensaal, die für die "Allgemeine musikalischen Zeitung" nur noch geringen Nachrichtenwert besaßen. Am 23. April 1810: „Am 23sten gab Hr. Mauro Giuliani, vielleicht einer der grössten jetzt lebenden Virtuosen auf der Guitarre, zu seinem Vortheile in dem kl. Red. Saal Concert, und erntete vielen Beyfall“ (AMZ 12/1810, Sp. 573). Am 5. Mai 1811: „Am 5ten liess sich Hr. Mauro Giuliani im kleinen Redoutensaale zum letzten Mal in einem Concerte und in einem Pot-pourri für die Guitarre (beydes von seiner Composition) hören, und ärndtete, wie immer, durch sein bewundernswerthes und ausdruckvolles Spiel auf diesem lnstrumente den vollesten Beifall. Die Hrn. Velluti und Siboni erhöheten den Genuss durch ihren Gesang“ (AMZ 13/1811, Sp. 428). Am 1. Dezember 1811 auf einem Konzert des Berliner Violinisten Karl August Seidler (1778-1840): „Variationen, gesetzt für Guitarre und Violin von Hrn. Mauro Giuliani, und gespielt von demselben mit Hrn. Seidler, gefielen allgemein“ (AMZ 14/1812, Sp. 75).

Am 9. Mai 1813 spielte Mauro Giuliani auf einem Konzert von Ignaz Moscheles. Zum ersten Mal mischten sich auch kritische Töne in die Berichterstattung: „Am 9ten gab Hr. Ign. Moscheles, Kapellmeister-Adjunct der k.'k. Hoftheater, Concert im kleinen Redoutensaale. Sein Spiel auf dem Pianoforte ist präcis, gewandt und ausdrucksvoll; seine Compositionen können jedoch noch wenig Anspruch auf Kunstwerth machen. Hr. Giuliani spielte mit ihm eine Sonate für Piano und Guitarre, welche von Beyden entworfen, und vom Letzteren bearbeitet wurde. Das Spiel des Ersteren auf der Guitarre schien uns heute nicht so bedeutend zu seyn, als wir es sonst von ihm, dem vollendeten Meister, zu hören gewohnt sind“ (AMZ 15/1813, Sp. 418). Ansonsten wurde über Giuliani nur in Kurznotizen berichtet. Am 26. Dezember 1814: „Auch Hr. Louis Spohr (der uns mit seiner Gattin bald verlässt,) gab am 11ten, und Hr. Mauro Giuliani am 26sten Concert im kl. Red. Saale. Beyde Künstler bewährten ihren Ruf als vollendete Meister ihrer lnstrumente, erster auf der Violine, letzter auf der Guitarre“ (AMZ 17/1815, Sp. 46). Am 15. Februar 1815: „Der Guitarrespieler Giuliani, und der Violinist Mayseder, sind Willens, eine Kunstreise nach Italien anzutreten“ (AMZ 17/1815, Sp. 123).

Die letzten Jahre Giulianis in Wien waren durch die Zusammenarbeit mit dem Pianisten Ignaz Moscheles (1794-1870) und dem Violinisten Josef Mayseder (1789-1863) geprägt. Offensichtlich unterstützten die drei Musiker sich gegenseitig, um eine größere Öffentlichkeitswirksamkeit zu erzielen.  Am 18. Mai 1817 gab die Sängerin Gentile Borgondio im Theater an der Wien eine Akademie, auf der Giuliani gemeinsam mit Mayseder auftrat: „Noch wurden gegeben der erste und letzte Satz aus Beethovens Symphonie in C dur, und Variationen für Violin und Guitarre von Mauro Giuliani, welche sich aber, trotz dem, dass sie von ihm selbst und Hrn. Mayseder unverbesserlich ausgeführt wurden, dennoch dem grossen Locale nicht recht aneignen wollten.“ (AMZ 19/1817, Sp. 431). Am 26. Mai 1817 spielte Moscheles auf einem Konzert, das Giuliani im kleinen Redoutensaal gab: „In dem, von eben genanntem Hrn. Giuliani am 26sten im kleinen Redoutensaale gegebenen Concerte hörten wir: 1. Ouverture von Cherubini. 2. Maestoso des neuen Guitarre-Concerts in F dur, comp. und gesp. von M. Giuliani. 3. Neue Cavatina von M. Giul., ges. von Dem. Bondra. 4. Neue Variationen für zwey Guitarren, von Giuliani, Sohn, über das Thema: di tanti palpiti, ausgeführt von M. Giul. und Hrn. N. 5. Scene und Rondo: Perchè turbar la pace, aus Tancredi, ges. von Mad. Borgondio. (Viele Hände sollen noch wund seyn, wegen des übergewaltigen Klatschens.) 6. Neues grosses National-Potpourri von Hummel, für Pianoforte und Guitarre, gesp. von Hrn. Moscheles und dem Concertgeber, der in allen seinen Leistungen die wohlverdiente Auszeichnung, als einer der ersten Virtuosen auf seinem Instrumente, empfing“ (AMZ 19/1817, Sp. 431).

Die Strategie ging offensichtlich auf. Giuliani, Moscheles und Mayseder hatten als "Tripelallianz" größeren Erfolg denn als Einzelmusiker. Am 5. April 1818 traten sie gemeinsam im k. k. Universitätsaal der juridischen Fakultät auf, die zur Unterstützung der Witwen und Waisen eine musikalische Akademie veranstaltete. Der Rezensent sparte nicht mit Lob für das Trio: „5. La Sentinelle, für Gesang, Pianoforte, Violine und Guitarre, von Hummel, vorgetragen von den Hrn. Barth, Moscheles, Mayseder und Giuliani. - Die letztgenannten drey Künstler hatten auch für sich eine Tripelallianz geschlossen, und im landständischen Saale ein Abonnement für drey wöchentlich auf einander folgende Concerte eröffnet, in welchen sie wechselsweise ihre allgemein anerkannte und hoch gepriesene Virtuosität entfalteten. Von Novitäten hörten wir dabey: Pianoforte-Variationen von Moscheles, Rondo brillant für die Violine von Mayseder, Potpourri für P.forte und Guitarre, Variationen für Violin u. P.forte von Mayseder, Rondo brillant für Pf. mit Orchesterbegleitung von Moscheles, ein neues Guitarre-Concert von Giuliani u. s. f., wobey man nicht wusste, ob man mehr die künstlerische Vollendung des Vortrags, oder die grösstentheils ausgezeichneten Compositionen bewundern sollte“ (AMZ 20/1818, Sp. 388). Am 10. Mai 1818 veranstalteten sie selbst ein Wohltätigkeitskonzert für den adeligen Frauenverein im Landständischen Saal: „Am 10ten veranstalteten die Hrn. Moscheles, Mayseder und Giuliani im landständischen Saale noch ein viertes Schlussconcert, dessen reinen Ertrag sie dem adeligen Frauen-Vereine zu wohlthätiger Verwendung einhändigten. Der lnhalt war: (…) 4. Castelli's Ballade, die Liebeslaute, von ihm selbst declamirt, und von Giuliani mit der Guitarre begleitet (…) 7. Der Abschied der Troubadours, Romanze von Castelli, auf eine Original-Melodie mit abwechselnden Variationen für Pianoforte, Violine und Guitarre, ausgeführt von Dem. Wranitzky und den Concertgebern. Wahl, Vortrag und Beyfall standen im schönsten Einklange“ (AMZ 20/1818, Sp. 455).

 

2. Rezensionen der Gitarrenwerke

 

Neben den Konzerten rezensierte die "Allgemeine musikalische Zeitung"  auch einige Werke Giulianis. Die Rezensionen fielen wenig schmeichelhaft aus, was auch kaum verwundert, da hier der musikalische Gehalt der Werke und nicht das virtuose Können des Gitarren-Maestros im Mittelpunkt stand. So wurden in der 12. Ausgabe der AMZ vom 21. Dezember 1808 die "Amusemens pour la Guitarre" (op. 10) als "Werkchen" vorgestellt: „Ueber die ganz eigene Art, wie G. die Guitarre behandelt, ist im vorigen Jahrgange dieser Zeit ausführlich gesprochen worden. Auch dies Werkchen ist in derselben Weise geschrieben. Die Sätze, vier an der Zahl, sind so unterhaltend, als man es von Guitarren-Solos kaum - und so vollstimmig, als man es von ihnen gar nicht vermuthen kann, wenn man nicht andere Kompositionen G.s kennet. Dass es ganz ausserordentlichen Fleisses bedarf, um alles, was auch hier gegeben worden, vollkommen gut vorzutragen, und dass dieser Fleiss mit dem Zuwachs an Fähigkeit, etwas auf diesem Instrument zu spielen, das seiner Natur gänzlich zu widersprechen scheint und darum allerdings Verwunderung erregen muss - schwerlich bezahlt werde, bedarf keiner weitern Auseinandersetzung. Die Nachweisungen des Komponisten, wie diese und jene gar zu schwierige Stelle zu nehmen sey, um ausführbar oder auch erleichtert zu werden, sind wohlüberlegt, und meistens selbst für geübte Spieler belehrend. Der Stich ist schön, aber auch der Preis theuer.“ (AMZ 11/1809, Sp. 191).

Auch Giulianis "Serenade pour la Guitarre Violon, et Violoncelle" (op. 19) fiel unter dieses Verdikt:  “Die vollstimmige, und noch mehr vollgriffige Art, in welcher dieser mit Recht beliebte Componist die Guitarre behandelt, ist bekannt, und wird von ihm auch hier angewendet. Dadurch, dass er hier die beyden Bogeninstrumente, und durchaus obligat, hinzugesetzt, hat er aber nicht nöthig gehabt, jenem Instrumente Melodien aufzudringen, für die es nicht geeignet ist, und dem Spieler Künsteleyen zuzumuthen, die ihm, ohne das anhaltendste Einüben, schwerlich sicher gelingen, und am Ende doch wol gezwungen und undankbar herauskommen. So wie alle drey Instrumente hier behandelt, und die Spieler, jeder in seiner natürlichen Sphäre, beschäftigt sind, (die Guitarre meistens arpeggirend und ausfüllend, die Violin, und nicht selten auch das Violoncell, melodiös,) nimmt sich alles vortheilhaft aus und unterhält recht angenehm. Einige unrichtige Fortschreitungen der Stimmen werden Dilettanten, als für welche solche Werkchen doch gehören, dem Verf. nicht zu hoch anrechnen, zumal da sie nicht häufig sind, und, kaum zwey abgerechnet, ziemlich verdeckt werden und durchschleichen. - Die Sätze sind dem Charakter der Serenade nicht weniger angemessen, als den Instrumenten. Ein sanftes, nicht blos einleitendes, sondern vollständiges Adagio fängt an; ein sehr lebhaftes Scherzando, mit gefälligem Trio, folgt, und eine muntere, ziemlich pikante Polacca macht den Beschluss. Der Verf. darf eine freundliche Aufnahme für seine Arbeit überall, wo man dergleichen Musik überhaupt liebt, mit Gewissheit erwarten. Der Stich und alles Aeussere ist nicht vorzüglich, aber doch besser, als man es seit einiger Zeit aus Wien zu erhalten pflegt“ (AMZ 15/1813, Sp. 55f.).

1819 verließ Giuliani, wohl aus finanziellen Gründen, Wien und kehrte in sein Heimatland zurück. Nach Zwischenaufenthalten in Venedig und Triest ließ er sich 1820 in Rom nieder. 1823 zog er nach Neapel, um seinen schwerkranken Vater zu pflegen. Gegen Ende des Jahres 1827 erkrankte Mauro Giuliani selbst und starb schließlich am 8. Mai 1829 in Neapel.

Der Musikkritiker Eduard Hanslick (1825-1904), der Giuliani persönlich nie begegnet war, formulierte in seiner "Geschichte des Concertwesens in Wien" (1869) einen Nachruf auf den bedeutendsten Gitarrenvirtuosen, den Wien bis dato gesehen hatte: "Die Guitarre erhielt zum ersten Mal als Concertinstrument einen ungewöhnlichen Glanz durch Mauro Giuliani, den vorzüglichsten Componisten und Virtuosen auf diesem beschränkten Instrument. Giuliani kam im October 1807 nach Wien, wo er sich fixirte. Er gab fast jährlich ein oder mehrere Concerte (in den ersten Jahren sogar viele); wir finden ihn zum letzten Mal unter den Concertgebern im J. 1818, worauf er sich nach Rom und später für mehrere Jahre nach Petersburg begab. Giuliani entwickelte eine ungeahnte Virtuosität, namentlich im mehrstimmigen weitgriffigen Spiel auf der Guitarre, für welche er eine große Zahl von Compositionen mit und ohne Begleitung schrieb. In Wien (wo die Guitarre in hoher Beliebtheit stand) gehörte er zu den erfolgreichsten Concertgebern, er war der Held der eleganten Musiksalons und erntete mehr Ruhm und Gold, als irgend ein Guitarrespieler vor und nach ihm" (Hanslick 1863, S. 256).